Kölner »Kuletsch« für die Welt

Von Klaus-D. Kreische, Lakritzologe

Lakritz und Köln
»Kuletsch« war im niederrheinischen Raum eine der vielen gebräuchlichen Bezeichnungen für Lakritz. Selbst kleine Dörfer hatten dem Lakritz ihren eigenen Namen gegeben, was darauf hindeutet, dass die schwarze Süßigkeit hier weit verbreitet war.
Ein Impuls für diesen großen Zuspruch an Lakritz mag ein Kölner Fabrikant geliefert haben: Franz Coblenzer. Er war ein Pionier der Lakritzverarbeitung. Als ältester Sohn eines Glasermeisters aus Koblenz gründete er 1842 in Köln-Nippes, zunächst In der Höhle 28 – später in der Werkstattstraße 13, die erste Dampf-Lakritzen-Fabrik in ganz Kontinental-Europa. Hergestellt wurde nach englischem Rezept das »Weichlakritz«, wonach der pure »Lakritzensaft« aufgelöst und mit Zucker und Mehl gestreckt wird. Neu war auch der Einsatz von Dampfmaschinen, wodurch Arbeitsschritte verkürzt und größere Mengen hergestellt werden konnten. Seine Fabrikation fand Nachahmer: 1874 die Firma »W. Th. Wengenroth« in Lübeck, 1889 die Firma »Otto Schmitz« in Köln-Ehrenfeld und 1898 die »Rheinische Dampflakritzenfabrik« in Düsseldorf. In Bonn wurde zu Beginn des 20. Jahrhundert von der Firma »Kleutgen & Meier« die Lakritze produziert. Diese größten Lakritzfabriken in Deutschland deckten bis in die 1920er den Lakritzbedarf, und dies nicht nur in Deutschland, sondern auch in den benachbarten europäischen Ländern. Sie exportierten nach Dänemark, Schweden und in die Niederlande. Belgien, Österreich, Ungarn und Ägypten standen ebenfalls auf ihrer Exportliste.
Allerdings änderten sich nach dem Ersten Weltkrieg die Produktionsbedingungen: die Lohnkosten stiegen, ebenso die Preise für das Rohlakritz, und von den Nachbarländern wurden hohe Einfuhrzölle verlangt. Die beiden Kölner Firmen gerieten nun in Bedrängnis und wurden schließlich von »Edmund Münster«, Nachfolger der »Rheinischen Dampflakritzenfabrik« in Düsseldorf, übernommen. Die Produktion an den Kölner Standorten konnte noch bis ins Ende der 20er/Anfang der 30er Jahre fortgesetzt werden.
Doch ohne den Pioniergeist des Kölners Franz Coblenzer, der während der industriellen Revolution mit seinen Innovationen auch die Lakritzwelt veränderte, wäre die Lakritz-Geschichte vielleicht anders verlaufen und wir müssten auf viele Sorten verzichten – wer weiß?!
Dialektkarte
Aus „Die Lakritzfibel“ von Klaus-D. Kreische

